Vorwerk ist ein traditionsreicher deutscher Konzern, bekannt vor allem für zwei Produkte: den Thermomix® und die Kobold-Staubsauger. In der Schweiz – wie auch in vielen anderen Ländern – setzt das Unternehmen beim Vertrieb fast ausschliesslich auf den Direktverkauf über selbstständige Beraterinnen und Berater. Das bedeutet: Wer einen Thermomix kaufen möchte, tut dies nicht im Laden, sondern über eine persönliche Vorführung bei einer Beraterin oder einem Berater.
Für Firmenkunden scheint es zwar gelegentlich Ausnahmen zu geben, im Privatkundengeschäft aber ist der Direktvertrieb das klare Prinzip.
Auch fünf Monate nach meinem Ausstieg bei Vorwerk werde ich immer wieder darauf angesprochen: „Warum hast du aufgehört?“ – „Lief es nicht gut?“ – „Du warst doch richtig erfolgreich, oder?“
Diese Fragen kommen von ehemaligen Kund:innen, Kolleg:innen oder Menschen, die sich selbst für den Berater:innenjob interessieren. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Erfahrungen einmal gesammelt aufzuschreiben – offen, ehrlich und ohne Groll. Denn ich finde: Wer den Thermomix® mit Überzeugung verkauft hat, darf auch transparent sagen, warum er sich entschieden hat, nicht mehr Teil des Systems zu sein.
Produkte TOP, Firma NAJA
Wer mich kennt, weiß: Ich habe den Thermomix® TM6 mit Überzeugung verkauft. Das Gerät ist wirklich herausragend – in Qualität, Funktionalität und Nutzen im Alltag. Ich bin mir sogar am überlegen ob ich mir den neuen TM7 gönnen möchte, mehr dazu vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.
Es hat mir immer Freude gemacht, Kundinnen und Kunden zu zeigen, wie viel einfacher und kreativer Kochen mit dem Thermomix sein kann. Auch die persönlichen Begegnungen, die vielen tollen Gespräche, und vor allem die Zusammenarbeit mit meinem damaligen Team waren eine echte Bereicherung. Und in guten Monaten kann die Beratertätigkeit ein lukrativer Nebenerwerb sein, insbesondere wenn mann nicht immer für jeden Vekauf bzw. jede Bestellvermittlung den Aufwand einer Vorführung hat.
Deshalb fällt es mir nicht leicht, diesen Schritt öffentlich zu machen. Aber ich finde: Wer mit Leidenschaft arbeitet, darf auch offen sagen, warum er eine Entscheidung trifft – in meinem Fall: warum ich Vorwerk Schweiz als Berater verlassen habe.

Die Vorwerk Schweiz Strukturen
Vorweg: Vorwerk ist ein internationaler Grosskonzern mit langer Geschichte. In der Schweiz aber wirkt das Unternehmen leider alles andere als strukturiert oder professionell geführt. Vieles ist chaotisch – und zwar auf eine Weise, die selbst manche Start-ups übertreffen würden.
Die Provisionsabrechnungen sind dafür ein gutes Beispiel: Sie müssen jedes Mal genau kontrolliert werden – und leider stimmen sie zu oft nicht. Das kostet Zeit, Nerven und Vertrauen.
Noch schwieriger wird es, wenn man auf die Führung auf regionaler Ebene schaut. Meetings werden häufig für zwei Stunden angesetzt, dauern dann aber fast vier. Eine klare Agenda fehlt oft, Entscheidungen ziehen sich, Prozesse bleiben unklar. Das demotiviert – besonders wenn man als Berater:in ohnehin viel Eigeninitiative zeigen muss.
Und dann ist da das Thema Marketing: Vorwerk Schweiz betreibt faktisch keine eigene Werbung für den Thermomix®, oder wenn dann so, dass sie niemand aus der relevanten Zielgruppe sieht. Gleichzeitig wird es Berater:innen enorm erschwert, selbst aktiv zu werden. Das Regelwerk zur Eigenwerbung ist streng und wirkt in vielerlei Hinsicht aus der Zeit gefallen. Private Webseiten von Berater:innen gelten als Social-Media-Kanäle, was ihre Nutzung stark einschränkt. Wer Sichtbarkeit für das Produkt schaffen will, stößt schnell an enge Grenzen – ohne dabei auf Unterstützung von Vorwerk zählen zu können.
Hinzu kommt, dass für eigene Werbeaktivitäten ausschließlich die von Vorwerk zur Verfügung gestellten Visuals verwendet werden dürfen. Kreative Freiheit? Leider Fehlanzeige. Diese Materialien sehen jeden Monat praktisch gleich aus, wirken steril, verwaltet – und sind schlicht uninspirierend. Besonders auffällig: Auf nahezu allen Bildern sind ausschließlich Frauen dargestellt – ein klischeebehaftetes Bild, das weder der heutigen Vielfalt unter Berater:innen noch der tatsächlichen Zielgruppe gerecht wird.
Das erschwert es zusätzlich, sich als Berater:in mit Persönlichkeit und Authentizität zu positionieren – gerade in einer Zeit, in der Individualität und Nahbarkeit im Marketing entscheidend sind.
Ein weiterer Punkt, der für Unverständnis sorgt: Vorwerk scheint ganz bewusst zu verhindern, dass Kundinnen und Kunden einfach und direkt einen Thermomix® kaufen können – etwa ohne Vorführung beim Beratung. Wer das Gerät trotzdem sofort kaufen möchte, kann dies nur über einen speziellen Online-Link des Beraters tun, den Berater:innen individuell zur Verfügung stellen können. Doch dann wird die Provision der Beraterin bzw. des Beraters um fast 20 % gekürzt – da Vorwerk dann behauptet, der Verkauf sei über eine eigene Werbemassname entstanden.
Das wirkt widersprüchlich: Einerseits spricht Vorwerk von „Selbstständigkeit“ und „Unternehmertum“, andererseits werden moderne Verkaufsmöglichkeiten und Online-Kanäle stark eingeschränkt oder bestraft. In einer Zeit, in der Kund:innen Transparenz, Einfachheit und digitale Flexibilität erwarten, wirkt dieses System wenig zeitgemäss – und vor allem demotivierend für engagierte Berater:innen.
Warum ich ausgestiegen bin
Ich war von Herbst 2023 bis Ende 2024 als unabhängiger Berater (im Agenturvertrag) für Vorwerk Schweiz tätig und gehörte zeitweise zu den Top 100 Beratern im Land. Mein Engagement war gross – aber irgendwann stellte sich die Frage, wie lange ich mich in ein System einbringen kann, das so wenig verlässlich und förderlich ist.
Auch dass sich regelmässig andere Berater:innen (zum Glück bei mir niemals innerhalb des Teams dem ich angeschlossen war sondern nur ausserhalb) beschweren, dass du Erfolgreicher bist als sie fördert deine Motivation nicht besondern. Insbesondere wenn die Firma sich dann mehr darum kümmert dich als Berater:in klein zu halten, statt die anderen Berater:innen die weniger gut performen an die Hand zu nehmen und zu zeigen, dass es auch anders geht.
Letztlich war es eine Kombination aus strukturellen Problemen, fehlender Kommunikation, und dem Gefühl, ständig gegen interne Hürden zu arbeiten. Das hat mir irgendwann die Freude genommen, auch wenn ich den Thermomix nach wie vor grossartig finde.
Kann ich den Berater Job empfehlen – vielleicht
Ich will diesen Beitrag nicht als pauschale Kritik verstanden wissen. Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die sich mit grossem Einsatz einbringen und für ihre Kund:innen wirklich da sind. Und es gibt definitiv Menschen, für die das Berater:innenmodell von Vorwerk gut passt – etwa wenn sie ein starkes Team haben, sich selbst gut organisieren können, und bereit sind, viele, viele, okay SEHR VIELE Kompromisse zu machen.
Für mich persönlich war die Entscheidung, auszusteigen, der richtige Schritt.
Wer sich für den Job interessiert, sollte sich im Klaren darüber sein, dass Leidenschaft für das Produkt allein nicht ausreicht – man braucht Geduld, ein dickes Fell, und die Bereitschaft, mit veralteten Strukturen zu arbeiten. Wenn man das weiss, kann man gute Erfahrungen machen. Wenn nicht, wird es schnell frustrierend.
Danke an alle Kundinnen, Kunden und Teamkolleg:innen, die mich in dieser Zeit begleitet haben. Ich nehme viele schöne Erinnerungen mit – und wünsche euch weiterhin viel Freude mit eurem Thermomix® TM6 und dem neuen TM7.